Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff

Hier diskutieren wir über belletristische Bücher.
Erna
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Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff

Beitrag von Erna » Sonntag 10. April 2011, 11:38

Wir wollen ja eigentlich erst am 15.4. anfangen. Da es aber vielleicht einige besonders Schnelle gibt und Margret unser Lesen schon angekünigt hat, möchte ich auch den Strang eröffnen. Viel Freude am Buch wünscht Euch
Erna
Danke Margret für das Hochladen.

Margret Budde

Re: Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff

Beitrag von Margret Budde » Sonntag 10. April 2011, 16:28

Liebe Erna,
entschuldige bitte, ich wollte dich nicht zur Eile antrieben.
Da ich verschiedene Arbeit in der Homepage zu verrichten hatte, habe ich gleich auch das neue Leseprojekt eingestellt, ohne auf das Datum zu achten.
Übrigens gibt es interessante Vorstellungen rumänischer Literatur im nächsten LC. Freuen wir uns darauf.
Viele Grüße
Margret

Marlis Beutel
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Re: Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff

Beitrag von Marlis Beutel » Dienstag 12. April 2011, 21:15

Liebe Mitleserinnen,

was mir an unserer neuen Lektüre am meisten auffällt, ist der spielerische Umgang der Autorin mit Wortbildern. Das ist keine Alltagssprache, auch keine besonders gewählte und ausgesuchte Sprache; sie erschließt sich dem Leser ganz leicht und fast selbstverständlich. Nach einer Weile erst fragte ich mich, worauf die Autorin hinauswill, was für eine Geschichte sie da aufbaut.
Ich denke, der Roman wird uns alle ansprechen; wir werden darüber diskutieren.
Euch allen viel Spaß bei der Lektüre!

Marlis
Marlis Beutel

HildegardN
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Re: Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff

Beitrag von HildegardN » Sonntag 17. April 2011, 18:43

Marlis, Du Schnelle, wartest sicher darauf, dass wir mit der Diskussion beginnen. Ich habe zwar angefangen zu lesen, bis jetzt aber noch nicht den erforderlichen ersten Überblick gewinnen können, um darüber zu schreiben.
"Der spielerische Umgang der Autorin mit Wortbildern", den Du erwähnst, beeindruckt auch mich, aber mehr noch sind es ihre immer wiederkehrenden und teils rasanten Wortfindungen oder besser
Wort e r findungen, denen ich in dieser Vielfalt, aber auch in ihrer Aussagekraft noch nie begegnet bin.
Unsere Lektüre spricht mich an, und die Autorin beeindruckt durch ihre "Lust zu Fabulieren", die sich einst schon Goethe in seinem Gedicht "Vom Vater hab ich die Statur ......." zugeschrieben hat.
Mit Frühlingsblütengrüßen aus Bad Homburg
Hildegard

Erna
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Re: Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff

Beitrag von Erna » Montag 18. April 2011, 11:13

Das Spiel mit der Sprache zeigt sich besonders im Kapitel "Gärten". Der kleine Balkon "schwebte" in die Gärten, "asketische Pflanzen" sprießen aus den Ritzen, ein Gewurstel. (S.72) An anderer Stelle gebraucht sie die Wörter aufgerummelt, gepresste Heiligenlippen, inspirirtes Gold. Ungewöhlich -aber trotzdem verständlich. Sehr schön finde ich auch die Schilderung von Schnüff, dem Hund und dem schwarzen Kater.
Auf' weiterlesen!
Erna

HildegardN
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Re: Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff

Beitrag von HildegardN » Freitag 29. April 2011, 17:18

Jetzt habe ich den Roman "Apostoloff" von Sibylle Lewitscharoff zuende gelesen, der die Reise zweier Schwestern aus Deutschland durch Bulgarien, dem Herkunftsland ihres Vaters beschreibt, der einst durch Selbstmord aus dem Leben schied. Der Roman ist nach dem bulgarischen Fahrer Apostoloff benannt, der die Schwestern durch das frühere Land ihres Vaters chauffiert.
Die Reise führt durch ein schönes Land, doch der Ich-Erzählerin, es ist die Jüngere der beiden Schwestern, empfindet Bulgarien als ein grauenhaftes Land. Und man ist nicht zum Vergnügen unterwegs. Grund der Reise ist es, die sterblichen Überreste des Vaters samt denen aller im schwäbischen Exil verstorbenen Bulgarien in die Heimat zurückzuführen.
Eine Aufsehen erregende Reihe großer Limousinen, organisiert, finanziert und geleitet von einem reichen ehemals Stuttgarter Bulgaren, fährt nach Sofia, wo die Urnen in einem eigens errichteten Grabmonument beigesetzt werden.

Mit erstaunlichen Schwung, mit Witz und Ironie und einer spielerischen Wortwahl, ja Wortakrubatik, schildert die Autorin zwei sehr unterschiedliche Schwestern, die in Stuttgart aufgewachsen sind und deren Vater früh verstarb und Unverständnis, Frust, ja sogar Hass hinterlassen hat.

Der Leser wird mit Verletzungen und frühem Leid der Töchter konfrontiert, dessen Aufarbeitung durch die Jüngere die Fahrt durch Bulgarien begleitet. Die Schönheit der bulgarischen Landschaft, wohl ein Anliegen der Autorin aus ihrem Erleben, kommt durch die Einstellung der Ich-Eählerin zu ihrem Vater und damit verbunden auch zu diesem Land, kaum zum Ausdruck. Der Leser wird immer wieder mit der Abrechnung einer Tochter mit ihrem verstorbenen Vater konfrontiert, die auch sein Herkunftsland Bulgarien einbezieht, durch das man nun reist.
Wie die Reise endet und mit welchem Ergebnis, ob mit Gewinn oder Verlust für die beiden Schwestern und nicht zuletzt auch für ihren befreundeten Chauffeur – darüber will ich noch einmal nachlesen und auch nachdenken.
Mit herzlichen Grüßen aus Bad Homburg
Hildegard

Erna
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Re: Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff

Beitrag von Erna » Montag 2. Mai 2011, 18:43

Renate schrieb Folgendes:
ich wünsche euch für das Treffen am Freitag mit dem Besuch viel Freude und Erkenntnisse.
Ich werde nochmal närrisch mit meinem Zugang zu VILE. Gestern wollte ich meinen Kommentar zu Apostoloff reinschreiben, da war wieder alles gesperrt und die gespeicherten Sicherheitscodes weg.
Jetzt will ich, da ich dieses Mal eine fleißige Leserin war und mit dem Buch fertig bin - es weiterreichen an eine Freundin und dir meine Kurzmeinung mitteilen. Wiederum hat Hildegard kurz und knapp es schon geschrieben.
Ich fand die Kombination aus (liebevoller) Beschreibung der Beziehung zur Schwester, bissige Einstellung zu beiden Eltern (Wer traut sich schon sein Elternhaus so scharf zu kritisieren), eigene Befindlichkeiten und das alles auf der Rundfahrt durch Bulgarien. Nach dem Buch habe ich keine Lust dieses Land zu besuchen, dreckig, heruntergekommen, langweilig! Ein Land, an dem die Autorin kein gutes Haar lässt, auch nur an wenigen Bulgaren. Und das alles aus Anlass dieser absurden Überführung der verbliebenen Überreste mit allem Pomp und Gloria - herrlich.
Und die Sprache - ich finde kaum Worte: poetisch, kreative Wortbildungen, dennoch kurze präzise Sätze.
Kurzum, ich freue mich auf die Poetikvorlesungen von Sibylle Lewitscharoff vom 7. Juni bis 5. Juli, dienstags 18 Uhr um HZ 2.
Herzliche Grüße Renate

Erna
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Re: Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff

Beitrag von Erna » Montag 2. Mai 2011, 18:59

Zwar bin ich fast am Ende, aber nur fast. Bisher ist es mir nicht klar geworden, warum die jüngere Schwester, also die Erzählerin, so negativ eingestellt ist. Dabei spielt es keine Rolle ob sie die bulgarischen Städte oder die Landschaft beschreibt oder von ihrer bulgarischen Verwandtschaft berichtet, selbst ihr Vater kommt dabei nicht gut davon. Die negative Einstellung hatte sie schon in ihrer Kindheit, wenn ich an die Beschreibung ihres Besuches bei den Großeltern denke. Interessant finde ich ihre Sprache, dass Erfinden neuer Wörter oder den Gebrauch bekannter Wörter in einem anderen Sinn.
Es als ein Reisebuch zu bewerten, wie es in einigen Rezensionen geschehen ist, kann ich nicht nachvollziehen.
Erna

Marlis Beutel
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Re: Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff

Beitrag von Marlis Beutel » Mittwoch 4. Mai 2011, 10:56

Liebe Mitleserinnen,

beim Lesen habe ich mich zeitweilig gefragt, ob die Autorin sich das alles ausgedacht hat. Was für eine phantastische Idee! Die Ich-Erzählerin beschreibt sich selbst als ziemlich unleidliche Person. Die Schwester ist viel umgänglicher und der gelegentlich frustrierte und irritierte Fahrer muss die beiden ertragen, d.h. in die angenehmere verliebt er sich sogar.
Mit einem Vater, der Selbstmord begangen hat, muss man sich auseinandersetzen. Sehr viel schlechter kommt die Mutter im Roman davon. Die schwäbische Großmutter allerdings wird liebevoll beschrieben.
Die Autorin ist auf eine witzige Art respektlos. Was mich auch beeindruckt, ist die Intensität ihrer Darstellung, die sie durch sehr kreative Wortwahl erreicht.

Herzliche Grüße von der Bergstraße, Marlis
Marlis Beutel

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Carmen Stadelhofer
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Re: Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff

Beitrag von Carmen Stadelhofer » Samstag 14. Mai 2011, 22:52

Mich hat das Buch in Kombination von Inhalt, Aufbau und vor allem Sprache eine ganze lesezeitlang fasziniert, dann war für mich das Muster bekannt und nicht mehr reizvoll.
Auf jeden Fall ist es eine bewußt einseitige Beschreibung von Bulgarien und den Bulgar/-innen und es wäre interessant, Sibylle Lewitscharoff bei einer Lesung über dieses/ auch ihr/ Land sprechen zu hören, mir scheint, ihre innere Auseinandersetzung damit ist heftig

HildegardN
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Re: Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff

Beitrag von HildegardN » Sonntag 15. Mai 2011, 11:03

Der Roman schließt mit der Beisetzung der in das Heimatland überführten Bulgaren ab. Die Erzählerin beginnt die ausführliche Schilderung mit dem Gang zur Kirche, dem die Messe folgt und die Fahrt zum Zentralfriedhof, wo die Beisetzung in der Urnenwand stattfindet.
Der Gedanke an den Vater scheint immer präsent.
Auf der anschließenden Heimfahrt zum Flughafen hat die erzählende Jüngere der Schwestern eine Vision: Ein schwarzer Geländewagen taucht auf, die Scheiben durchsichtig. "Vorne sitzt der Vater am Lenker und die Mutter neben ihm, beide schauen stur geradeaus, er hat sein Käppi auf wie eh und je, wir Töcher hocken regungslos und wie gemalt im Fond."
Eine anscheinend friedliche Situation, die durch die Erkenntnis und Selbstbestätigung der Erzählerin unterstützt wird: "Ich habe es geschafft, länger zu leben als der Vater und ein freundlicheres Leben zu führen als die Mutter".
Ist dieses Fazit wohl als Versöhnung zu werten? Ich hoffe es.
Gruß, Hildegard

Erna
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Re: Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff

Beitrag von Erna » Sonntag 15. Mai 2011, 13:41

Bis zum Ende des Buches habe ich immerzu erwartet, einmal eine Aufklärung darüber zu bekommen, warum der Erzählerin alles Bulgarische, einschließlich ihrer Familie so verhasst ist. Kann es der Selbstmord ihres Vaters sein? Es ist für mich so, als ob das Buch nicht fertig erzählt ist.
Hat sie einmal jemanden oder etwas ein kleines bisschen gelobt, kommt hinterher gleich etwas Negatives. Was mir gut gefallen hat, ist z.B. die Beschreibung der Stadt Plovdiv, die sie einmal positiv sieht. Aber es gibt auch andere Beschreibungen, vor allem wenn diese selbst erfundene Wörter beinhalten. Oft habe ich auch das Gefühl einer Situationskomik emfunden.
Erna

HildegardN
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Re: Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff

Beitrag von HildegardN » Sonntag 22. Mai 2011, 21:11

Mein heutiger Beitrag ist, anders als sonst, nicht selbst verfasst, sondern dem Uni-Report der Goethe-Universität Frankfurt am Main vom 19.Mai 2011 entnommen und enthält, neben der Ankündigung der Poetik-Vorlesungen der Autorin Sibylle Lewitscharoff, die folgende kurze Beschreibung und Kommentierung ihres Romans „Apostoloff“:
„Wir haben Bulgarien schon satt, bevor wir es richtig kenengelernt haben.“ - „In Sibylle Lewitscharoffs Roman 'Apostoloff' aus dem Jahr 2009 reisen zwei Schwestern von Sofia aus mit dem Auto durch das Land des toten Vaters. Die jüngere sitzt auf der Rückbank und komentiert scharfzüngig, geistreich und kampfeslustig den gescheiterten Staat Bulgarien, die ältere sitzt auf dem Beifahrersitz und nimmt die spöttelnden Tiraden milde und geduldig auf, quittierend allenfalls mit einem Stirnrunzeln oder einem vieldeutigen Allzwecklächeln. Daneben Rumen Apostoloff, Chauffeur und Namensgeber des Romans, der seiner schwierigen Rolle als Touristenführer mit einer gehörigen Portion Patriotismus und Ostblockcharme nachzukommen versucht.
Aus dieser unseligen dreiköpfigen Reisegesellschaft heraus entwickelt Lewitscharoff einen kongenial komponierten Text, der Elemente des Familienromans, des Roadmovies und des Schauerromans in einer sprachgewaltigen Suada zu einer poststkommunistischen 'gothic novel' vereint.“
Die Termine der Frankfurter Poetikvorlesungen: „Vom Guten, Wahren und Schönen“ von Sibylle Lewitscharoff: 7./14./21./28. Juni und 5. Juli 2011, 18 Uhr c.t., Campus Westend, Hörsaal HZ 2, Hörsaalzentrum Grüneburgplatz 1
Mit freundlichen Grüßen aus Bad Homburg, Hildegard

Marlis Beutel
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Re: Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff

Beitrag von Marlis Beutel » Freitag 27. Mai 2011, 17:37

Liebe Hildegard,

danke für diesen letzten Beitrag! Er ist so etwas wie ein Schlussstrich unter unsere Diskussion. Das Buch hat mich sehr beschäftigt, ich habe es auch weiterempfohlen und war hinterher unsicher, ob andere Leser ebenfalls davon fasziniert wären.
Ich hoffe, Du kannst zu den Vorlesungen gehen und uns davon berichten. Wahrscheinlich werde ich ein weiteres Buch dieser Autorin lesen.

Herzliche Grüße von der Bergstraße, Marlis
Marlis Beutel

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Re: Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff

Beitrag von Brigitte Höfer » Mittwoch 1. Juni 2011, 12:28

Ich hatte so meine Schwierigkeiten mit Sibylle Lewitscharoffs Sprache.
Aber hier ist noch einmal eine Meldung zu den Poetik-Vorlesungen (Hildegard hatte die Termine ja schon genannt):
http://idw-online.de/de/news426223
Brigitte

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