Kinderarmut in Deutschland

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Hoddel

Kinderarmut in Deutschland

Beitrag von Hoddel » Montag 11. Dezember 2006, 12:59

Dieser Begriff wird in letzter Zeit immer wieder sowohl in Politiker Statements als auch in Kommentaren strapaziert, auch und gerade in der aktuellen Diskussion um den Begriff „Unterschicht“.
Was mich daran stört, ist die subtile Unterstellung, wir würden unsere Kinder quasi „verhungern lassen“. Wenn ich das richtig verstehe, errechnet sich die Kinderarmut aus dem zu niedrigen Durchschnittseinkommen, das den Kindern „zur Verfügung steht“. Danach wären meine inzwischen erwachsenen Kinder damals ebenfalls unter die Armutsgrenze gefallen. Denn wir haben ihnen nicht immer alles das gekauft, was sie „unbedingt bräuchten“, z.B. Markenklamotten.
Haben Kinder überhaupt ein eigenes Einkommen? In der Regel faktisch nicht, denn die ihnen zustehende Sozialhilfe wird von den Eltern „verwaltet“. Sie, die Kinder haben das an Werten (Essen+Trinken, Kleidung, Taschengeld etc) was ihnen von ihren Eltern zugestanden wird. Das kann aus erzieherischen Gründen auch relativ wenig sein in besser situierten Familien. Ich traf kürzlich eine Mutter, die wohl zu der angeblich nicht existierenden „Unterschicht“ gehört. Sie habe ihrem Sohn „nur“, wie sie stolz sagte, € 30,-- für Handygebühren pro Monat zugestanden. Das übertrifft mein eigenes monatliches Telefonbudget. Hieran erkennt man, dass der Armutsbegriff selbst von den Beteiligten „fließend“ ausgelegt wird.

Mit dem Begriff „Kinderarmut“ als soziale Anklage an die Gut-situierten wird m.E. emotional Schindluder getrieben. Man bekommt den Eindruck, als ob Kinder einen rechtmäßigen Anspruch auf Reichtum hätten. Dabei geht Kinderarmut einher mit der Armut der Eltern. Das war früher so, das ist heute so und das wird auch morgen so sein. Hier in Deutschland und überall auf der Welt , wo es Armut gibt. Dass der Staat und die Menschen in einem Staat dagegen etwas unternehmen müssen, wird nicht bestritten. Und dass es in einem Wohlstandsstaat wie Deutschland überhaupt Armut gibt, ist im Grunde ein Skandal. Allerdíngs ist die „Bemessungsgrenze“, die irgendwelche schlauen Leute mal festgelegt haben, zumindest diskussionswürdig.
Rund 1,1 Mio. Bezieherinnen und Bezieher von Sozialhilfe sind Kinder unter 18 Jahren. Mit einer Sozialhilfequote von 7,2% (Ende 2003) weisen sie im Vergleich zur Gesamtbevölkerung (3,4%) einen deutlich höheren Hilfebedarf auf.
Dies schreibt der „Verein für soziales Leben“ auf seiner Homepage. Ich will die Zahlen nicht anzweifeln, aber auch hier wird der Versuch gemacht, uns einzureden, wir ließen die Kinder besonders schlecht versorgt. Dass 7,2% der Kinder von der Sozialhilfe leben, aber nur 3,4% der Gesamtbevölkerung, ist doch einfach mathematisch zu erklären. Wenn in einer armen Familien 4-5 Kinder sind, sind alle 4-5 Kinder arm. Das ergibt auch bei durchschnittlich 2 Kindern pro Familie eine höhere Quote für die Jugendlichen.
Gut dass es den „Verein für soziales Leben“ gibt. Und sie dürfen auch ruhig plakativ auf die Probleme hinweisen. Aber von Politikern und Kommentatoren erwarte ich eine etwas distanziertere Darstellung. Und man soll uns nicht einreden, Deutschland werde langsam ein „Armenhaus“. Auch die Menschen in diesem Land tun eine Menge, um Arme hier oder in Entwicklungsländern zu unterstützen. Das beweist das hohe Spendenaufkommen, wenn es um entsprechende Aufrufe in den Medien geht.

cantstetter
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Kinderarmut in Deutschland

Beitrag von cantstetter » Freitag 15. Dezember 2006, 12:01

Kinderarmut in DeutschlandHoddel hat in seinem Beitrag vom 11.12.sehr ehrlich und offen dargestellt, was ihn an der Diskussion über die neue Kinderarmut stört. Nämlich die subtile Unterstellung, wir würden unsere „Kinder verhungern lassen“ und er vermutet, dass mit dem Begriff Kinderarmut eine soziale Anklage an die Gutsituierten verbunden sei. Das sehe ich nicht so und kann beides nicht nachvollziehen. Dennoch ist es sein Empfinden.

Unbestritten ist, glaube ich, dass sich der begriff Armut immer nur jeweils auf eine Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt bezieht ,der nicht mit anderen Ländern (in Afrika) oder anderen Zeiten vergleichbar ist. Natürlich waren wir alle nach dem Krieg auch arm .Ich kann mich als Nachkriegskind noch gut an die Zeit erinnern als ich in die Schule kam und keine neuen Ranzen kriegte, keinen neuen Klamotten hatte und Taschengeld ein Fremdwort war. Schokolade gab es nur ,wenn überhaupt, von den amerikanischen Soldaten. Aber der Unterschied ist offensichtlich, wir waren alle arm. Und unsere Eltern hatten die Hoffnung dass es nun nach diesem furchtbaren Krieg, der Währungsreform und dem sich abzeichnenden Wirtschaftswunder alles besser wird, und vor allem die anspringende Wirtschaft auch die ökonomische Basis dafür liefert. Und so kam es ja auch.
Und alle (oder fast alle) hatten die Chance an diesem Aufstieg teilzunehmen.

Das sieht heute nun ganz anders aus .Die vielen Studien, die zu diesem Thema in letzter Zeit gemacht wurden zeigen alle einstimmig das gleiche Ergebnis: die Reichen werden reicher, die Armen werden ärmer . Und Armut wird vererbt. Das heißt nun nicht, dass die Armen (auch die Kinder) hungern müssen, die soziale Ungleichheit zeigt sich viel eher in den ungleichen Lebens- und Bildungschancen. Es geht also um relative Armut, um die Frage wie der Wohlstand in dem reichen Land BRD verteilt ist, und ob das auch gerecht ist.

Das Statistische Bundesamt kommt in seinem neuesten Bericht „Leben in Europa“ zu dem Ergebnis, dass arm ist, wer weniger als 60% des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat. Dies betrifft ungefähr 11 Millionen Menschen in der BRD: Das betrifft aber nur das Einkommen. Die Bundesregierung hat in ihrem letzten Armut- und Reichtumsbericht deswegen lieber den Ansatz der „Verwirklichungschancen“ gewählt. Es sind eben nicht nur die finanziellen Aspekte, die wichtig sind sondern auch die Möglichkeiten zur Teilhabe und Integration am gesellschaftlichen Leben. Vor allem aber am Bildungsprozess. Kindergarten, Vorschule, Schule und weiterführende Abschlüsse. Wer hier schon schlechte Chancen hat, hat sie später überhaupt keine mehr. Und die Bundesregierung stellt außerdem fest, dass die Verteilung der Einkommen immer ungleicher und damit ungerechter wird. So belief sich das Privatvermögen der Deutschen (2003) auf insgesamt 5 Billionen Euro. Davon besitzt das obere Zehntel mit 47% fast die Hälfte, die unteren 50% nur 4%. Selbst das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) stellt in seiner Studie „ Armut und Reichtum“ (2006) diesen Tatbestand fest und folgert daraus, dass Armut nicht mehr allein aus wirtschaftlichen Faktoren zu definieren ist. Zu offensichtlich sind die Einschränkungen, die jene erleiden, die arm sind.
Und genau diesen Prozess hat die Studie der Friedrich Ebert Stiftung , die mit dem Begriff des „abhängigen Prekariates“, einen neue Wortschöpfung geliefert hat, deutlich machen wollen, dass es nämlich einen Teil der Gesellschaft gibt (sie beziffert ihn auf 8% ) der geprägt ist von Ausschluss und sozialen Abstiegserfahrungen, der den höchsten Anteil Arbeitsloser, Politikverdrossener und Wähler rechtsextremer Parteien aufweist.

Und die neueste Studie der Arbeiterwohlfahrt stellt fest, dass die Zahl der Kinder die in Armut leben nach der Einführung der Harz IV Reform deutlich zugenommen haben. Waren es 2004 noch 1.1 Millionen Kinder und Jugendliche von der Sozialhilfe, so waren es im Juni 2005 bereits 1,8 Millionen. Und das fatale ist, trotz anlaufender Konjunktur und gering steigender Einkommen wird sich an der Zahl der zur Unterschicht gehörenden nicht verringern, im Gegenteil die Zahl wird noch zunehmen. Die Politiker und auch die Medien und Wissenschaftler habe über Jahre nicht erkannt, wie dramatisch sich das untere Drittel der Gesellschaft verändert hat. Das ist der Verdienst der Friedrich Ebert Studie, die auch gleichzeitig festgestellt hat wie sich in dieser Schicht eigene Lebensformen und Verhaltenmuster herausgebildet haben die auch eigene Werte beinhalten, die dann auf die Kinder übertragen werden. Das bedeutet aber auch, mit mehr Geld für diese Schicht ist das Problem nicht gelöst.
Nur Bildung, vor allem der Zugang zu allen Bildungseinrichtungen könnte hier Abhilfe schaffen .Insofern bekommt die Bildungspolitik eine zentrale Aufgabe bei diesem wichtigen gesellschaftlichen Problem.

Zurück zu Hoddel, er schreibt“ Dabei geht Kinderarmut einher mit der Armut der Eltern. Das war früher so, das ist heute so und das wird auch morgen so sein“. Da hast Du wahrscheinlich recht. Aber es müssen nicht immer die gleichen sein, die arm bleiben oder werden.
Axel

Horst Glameyer
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Koalitionsvertrag u. Tagespolitik: Armut u. Kinderarmut

Beitrag von Horst Glameyer » Samstag 16. Dezember 2006, 13:22

Über Armuts- und Kinderarmutsstatistiken, -studien und –berichte lässt sich gut und viel diskutieren; denn da handelt es sich um Zahlen und Prozente, hinter denen weder Gesichter noch Gefühle zu erkennen sind. Wie aber fühlt sich ein Junge oder ein Mädchen, wenn er oder es zu Beginn jedes Schuljahres nach den Eltern gefragt wird und er oder es jedesmal nur antworten kann: „Beide arbeitslos“ oder „Geschieden und arbeitslos“? Für die Teilnahme an der Klassenfahrt muss um einen Zuschuss gebettelt werden.
Es geht nicht um die Gefahr des Verhungerns in unserem Land, obwohl die Suppenküchen in großen Städten zeigen, dass Hunger für viele längst zur bitteren Realität geworden ist.

Ich stimme Axel zu, es ist weitaus leichter, wie nach dem Krieg arm unter Armen zu sein, als arm unter Wohlhabenden zu leben. Oft entscheidet bei Bewerbungen schon die Angabe des Wohnviertels des Bewerbers über die Ablehnung. Das gilt sowohl für Erwachsene als auch für Jugendliche, die einen Ausbildungsplatz suchen. Blauäugig, wer glaubt, das sei kein Ablehnungsgrund. Natürlich wird niemand auch nur das geringste Wort darüber verlieren; denn das wäre ja diskriminierend.

Nur wenigen Eltern, die, aus welchen Gründen auch immer, in relativer Armut leben, gelingt es, ihren Kindern das nötige Selbstbewusstsein mitzugeben bzw. zu entwickeln, damit sie sich von all den kleinen, täglichen Demütigungen, die ihnen widerfahren, nicht entmutigen lassen. Längst sind viele dieser Eltern selbst mutlos geworden und haben die Hoffnung auf ein besseres Leben aufgegeben. Stellt sich die Frage, wieviel abgelehnte Bewerbungen erträgt ein Mensch, bevor er sich aufgibt oder radikal wird? Der Hinweis, dass es vielen anderen ebenso ergeht, ist weder hilfreich noch tröstlich.
Anhaltende Armut erzeugt die unterschiedlichsten Gefühle, die sich im Laufe der Zeit auf das Zusammenleben der ganzen Gesellschaft nachteilig auswirken können.
Horst

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