Die neu entdeckte Unterschicht

Ein Projekt der ViLE Gruppe Lübeck.
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hwest

Die neu entdeckte Unterschicht

Beitrag von hwest » Montag 23. Oktober 2006, 17:15


Die neu entdeckte Unterschicht

Es ist schon erstaunlich, wie lange unsere Politiker gebraucht haben, um zu entdecken, dass sie mit ihrer falschen Politik eine wachsende Unterschicht produzieren. SPD-Chef Beck nahm das Wort Unterschicht zuerst in den Mund und die Sozialstudie der Friedrich-Ebert-Stiftung bestätigte ihn bald darauf. Jetzt fallen unsere gewählten Vertreter aus allen Wolken.

Doch wie es heute so ist, man denkt nicht über Abhilfen nach, sondern man versucht, das Wort „Unterschicht“ zu verteufeln. Das darf man überhaupt nicht in den Mund nehmen, es könnte ja diskriminierend und stigmatisierend sein. Und man versucht, ein neues Wort zu finden: Prekariat. Doch auf diese Weise sind Probleme nicht zu lösen. Man sollte nicht versuchen, sie auf diese Weise unter den Tisch zu kehren.

CSU-Generalsekretär Söder kommt nur auf eine Idee: Weil die Bezüge aus Hartz IV hoch seien, fehle manchen die Motivation zur Arbeit, meint er und fordert indirekt eine Absenkung der Bezüge. Hartz IV sei bereits ein Mindestlohn.

Kürzlich las ich im Leserbrief einer Zeitung, es gebe nicht nur eine Unterschicht, eine Mittel- und eine Oberschicht, darüber stehe noch die Schicht der Abgehobenen: Das sind unsere Politiker, die die Realität nicht mehr kennen oder sie ignorieren.

Leider ist kaum Besserung in Sicht. Die einzige Partei, welche die neuen Armen heutzutage bilden, ist die Partei der Nichtwähler, schreibt die Süddeutsche.

Unsere Politiker sind offenbar so „abgehoben“, dass sie die Alternativen nicht sehen. Sie fühlen sich von dem zarten Pflänzchen einer wirtschaftlichen Erholung bestätigt, das sie durch die Erhöhung der Mehrwertsteuer gleich wieder zertreten. Doch nur eine weit stärkere Binnennachfrage und damit neue Arbeitsplätze könnten helfen. Anstatt sich darum zu kümmern, streitet man sich wochen- und monatelang um Gesundheitsreform, Unternehmenssteuersenkung, Arbeitsmarktreform und hält einen möglichen Fehltritt beim Einsatz der KSK in Afghanistan für ein Anzeichen des bevorstehenden Weltuntergangs. Die Realität wird von der politischen Klasse nicht mehr erkannt. Ich empfehle dazu die Lektüre unseres Projektbeitrages „Unterschichten-Diskussion Spitze der Heuchelei“.
Horst

Clemens

Prekariat

Beitrag von Clemens » Montag 23. Oktober 2006, 19:38

„Abgehängtes Prekariat“ nennt die Friedrich-Ebert-Stiftung in einer aktuellen Studie die Menschen, die Kurt Beck „die Unterschicht“ nannte.. Für das Heer der Verlierer, die sich selbst in einer „prekären“ Lebenssituation sehen, hat SPD-Parteichef Kurt Beck den alten soziologischen Begriff „Unterschicht“ aus der Schublade geholt und sich dafür parteiinterne Prügel eingehandelt. Zur neuen „Unterschicht“ zählen demnach 20 Prozent der Ostdeutschen und 4 Prozent der Westdeutschen. Nicht nur Dauerkonsum von Alkohol, Fritten, Süßigkeiten und Fernsehen, dazu häufig keinerlei Rückhalt in gewachsenen Familien, prägen in vielen Fällen ein armseliges Bild der sog. Unterschicht. Es mangelt an Bildung und Aufstiegsenergie, nicht nur an Geld. Das ist ja eigentlich kein neues Phänomen, über das wir nun sprechen. Hartz IV hat in weiten Teilen verdeckte Armut erst transparent gemacht.

Parteichef Beck wolle einen „Bildungsaufbruch“ mit beitragsfreien Kindergärten und einem Ausbau von Ganztagsschulen organisieren, um Kindern der „Unterschicht“ den Aufstieg zu ermöglichen. Der SPD-Linke Ottmar Schreiner warf den eigenen Parteigenossen und insbesondere dem früheren SPD-Kanzler Gerhard Schröder eine Mitschuld an dem Gesellschafts-Problem vor. Es gebe zu viele Menschen, die sich keinerlei Hoffnung mehr machten, den Aufstieg zu schaffen. Sie hätten sich oft mit ihrer Situation arrangiert und fänden sich damit ab.

Man sollte das angesprochene Problem vieler Menschen – zum Teil wirklich armer Menschen - nicht verharmlosen, aber aus der Beobachtung vieler unterschiedlicher Phänomene sollte man nicht etwa 1/10 der Bevölkerung zu einer Klase machen, die es in der Bundesrepublik Deutschland so nicht gibt. Armut gab es immer und wird es immer geben. Sie zu lindern für diejenigen, die wirklich arm sind, ist u.a. die Aufgabe des Sozialstaates. Aber wirklich nur diese! Es gibt nämlich nach wie vor ein gewisses Schmarotzertum in unserem Lande, dem die Politiker zu Recht Einhalt gebieten müssen. Und die Oberkritiker unseres Sozialstaates sollen Ross und Reiter nennen, wo das Geld denn herkommen soll. Mit Pauschalierungen ist es nicht mehr getan. Und mit einer neuen neiddebatte ebenfass nicht. Das ist noch nie einer Gesellschaft gut bekommen.
Wenn alle zu Recht nach Bildung rufen, dann stimmen wir unbedenklich ein. Wenn der Finanzminister in irgendeinem Ressort den Rotstift ansetzen will, gibt es einen Aufschrei quer durch das Land. Da braucht es schon einen langen Atem, ernsthaft Reformkonturen aufzuzeigen.
Das Allheilmittel, den Konsum (Binnennachfrage) anzukurbeln, ist genauso falsch, wie es richtig ist.
Die Flucht in die Partei der Nichtwähler ist zwar eine legale, wenn auch mit die schlechteste Lösung, unser Land weiter nach vorne zu bringen. Es hilft einzig und alleine extremen Rechten wie Linken. Wollen wir das?

Der anmoderierte Einstieg in diesen Themenstrang birgt so umfangreiches Diskussionspotential – vermutlich so gewollt – dass es schwierig ist, in der geboten Knappheit eine fundierte Antwort zu geben. Dafür bitte ich um Verständnis.

„….wochen- und monatelang um Gesundheitsreform, Unternehmenssteuersenkung, Arbeitsmarktreform und hält einen möglichen Fehltritt beim Einsatz der KSK in Afghanistan für ein Anzeichen des bevorstehenden Weltuntergangs…..“ schreibt Horst.
Dazu gäbe es noch einiges zu sagen, vielleicht später?

(bin nun 3 Tage beim SOR-Treffen in Gütersloh; antworte danach wieder).
Clemens

Horst Glameyer
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"Abgehängtes Prekariat"

Beitrag von Horst Glameyer » Dienstag 24. Oktober 2006, 00:15

Was war an der Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung über das „Abgehängte Prekariat“ so bedeutsam, dass in der Woche vom 16. – 22. Oktober 2006 sogar eine Bundestagsdebatte darüber geführt wurde? In mehreren Städten demonstrierten Gewerkschafter zu Tausenden. Sabine Christiansen ließ Politiker darüber talken, und NDR Info sendete am Sonntagvormittag gleich ein Feature zu diesem Thema. Sogar von einem Bürgergeld für alle redete man.
Neu an der Studie war allenfalls die soziologische Bezeichnung, die kaum jemand verstanden hätte, wäre sie nicht drastisch in das Unwort „Unterschicht“ übersetzt und sogleich in einer vielgelesenen Boulevardzeitung unter das Volk gebracht worden.
Caritas und Diakonie, Paritätischer Wohlfahrtsverband und Arbeiterwohlfahrt haben seit Jahren immer wieder in ihren Armutsberichten auf die steigende Armut, auch die der Kinder, in unserem Lande hingewiesen. Man nahm es zur Kenntnis, doch „die Karawane zog weiter“, ohne näher darauf einzugehen. „Mehr Eigenverantwortung!“ rief man den Langzeitarbeitslosen zu. Und da sich nun einmal Leistung lohnen muss, sorgte man dafür, dass die Langzeitarbeitslosen möglichst weniger als die Geringverdiener in der Tasche hatten, wegen des finanziellen Anreizes, endlich eine wie auch immer bezahlte Arbeit aufzunehmen.

Es gab also kaum etwas in jener Studie, das nicht seit langem bekannt gewesen wäre. Erschreckend dagegen war die zeitliche Nähe zu den qualvoll verstorbenen Kleinkindern, die Opfer gerade dieser Unterschichtsmisere geworden waren. Misshandelt und verhungert, obwohl sie unter dem Schutz des Staates standen, z.B. in Bremen, wurde ihnen dieser Schutz vermutlich aus Sparsamkeitsgründen (Personalmangel im Jugendamt) nicht gewährt.
Hinzu kamen die zu erwartenden Entlassungen in den insolventen Handy-Betrieben von BenQ, die zuvor Siemens gehörten. Der Abbau von Arbeitsplätzen, z.B. bei Opel, Siemens und anderen Konzernen, wird fast täglich in den Nachrichten gemeldet oder schon vorausschauend für die nächsten Jahre angekündigt (ca. 50 000 bei der Deutschen Telekom). Wer, außer den Betroffenen, regt sich darüber noch auf? So etwas gehört längst, wie der Wetterbericht, zum gewohnten Rundfunk- und Fernsehprogramm. Dennoch macht sich Unbehagen breit; denn niemand weiß, wie lange sein Arbeitsplatz noch sicher ist. Doch darüber spricht man besser nicht.

Dummer Weise fiel in die Zeit besagter Studie die Airbusmisere, dieses hochsensible Prestigeobjekt „Airbus 380“ europäischer und damit zugleich deutscher Luftfahrttechnik. Drehte er nicht triumphal seine Runde beim ersten Anflug auf Hamburg-Finkenwerder? Jahrelange Prozesse wurden geführt, um die Verlängerung der Startbahn gegen Obstbauern und eine Kirchengemeinde durchzusetzen. Sollte das etwa vergebens gewesen sein? Tausend Arbeitsplätze und mehr können in Hamburg, Bremen und Niedersachsen jetzt gefährdet sein. Noch ist bei EADS im Plan „Power 8“ nichts entschieden; aber Hamburgs Bürgermeister räumte ein, er habe bislang geglaubt, „die wirtschaftliche Vernunft werde alles regeln“. In das neue Parteiprogramm der CDU soll das Soziale mehr in den Mittelpunkt gerückt werden. Plötzlich erkennen die Politiker, was andere schon lange wussten, dass sie gegenüber der Wirtschaft, wenn es um den Erhalt von Arbeitsplätzen geht, nahezu machtlos sind. So warf der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen den Managern von BenQ unmoralisches Verhalten vor, weil sie sich nicht finanziell an Auffangmaßnahmen für die Beschäftigten in ihren insolventen Betrieben beteiligen. Das wird die Manager kaum beeindrucken. Außerdem dienen solche harschen Worte aus dem Munde von Politikern meistens nur dazu, den Beschäftigten ihre Betroffenheit zu zeigen.

All diese Ereignisse in Verbindung mit der Studie über das „abgehängte Prekariat“ verursachten in der vergangenen Woche erhebliche Unruhe. Ob sie heilsam war und sogar nachhaltig sein wird? Warten wir´s ab.
Horst

Roli Huber

Die Zusammenhänge sehen!

Beitrag von Roli Huber » Mittwoch 25. Oktober 2006, 12:09

Hallo allerseits,
bevor ich einen eigenen Beitrag einstelle, hier schon mal ein aktueller
Beitrag von Axel Mayer, den ich persönlich kenne und schätze.
herzlichen Gruß
Roli


25. Okt. 06

Ökologie und neue Armutsdebatte

Endlich wird in diesem Land wieder (einige Tage) über die Frage der Armut und der sozialen Gerechtigkeit diskutiert. Dies ist durchaus auch ein wichtiges Thema für die Umweltbewegung, denn ohne soziale Gerechtigkeit ist die angestrebte Nachhaltigkeit nicht zu erreichen. Ohne auf die „Qualität“ der aktuellen Armutsdebatte eingehen zu wollen, gibt es aus meiner Ansicht doch einige wichtige Umweltaspekte , die in der öffentlichen Diskussion fehlen. Rechte und teilweise auch linke Wachstumsmythen verstellen den Blick auf wichtige Teilaspekte des Problems. Eine falsche Analyse aber führt zu falschen Problemlösungsansätzen.

Mehr Wachstum soll das Armutsproblem langfristig lösen. Mehr Wachstum ist aber dauerhaft nur dort möglich, wo arme Gesellschaften einen berechtigten Nachholbedarf haben. Unbegrenztes Wachstum zerstört begrenzte Systeme. Als Problemlösungsansatz kann es dauerhaft und weltweit nicht dienen.
http://vorort.bund.net/suedlicher-oberr ... kritik.htm

Mehr Arbeit soll das Armutsproblem lösen. Doch der Arbeitsgesellschaft geht langfristig die bezahlte Arbeit aus. In Zeiten, in denen durch Rationalisierung, Effizienzsteigerung und Globalisierung die Arbeit immer weniger wird, sollen die „Noch“-Beschäftigten immer länger arbeiten, anstatt die weniger werdende Arbeit besser zu verteilen. Einer gestressten, überarbeiteten, gleichzeitig aber abnehmenden Zahl von Beschäftigten stehen immer mehr Arbeitslose, Dauerpraktikanten, Ein-Euro-Jobber und andere „Working Poor“ gegenüber. Die sozialen Folgen einer solchen Politik, in der die Schere zwischen Arm und Reich und zwischen Arbeitslosen und Arbeit habenden immer größer wird, führen zu politischer, ökologischer und sozialer Destabilität.
http://vorort.bund.net/suedlicher-oberr ... arbeit.htm

Eine langfristig drohende, weltweite Energiekrise unübersehbaren Außmasses wird das weltweite Armutsproblem noch massiv verstärken. Und das von den Werbeabteilungen der Atomkonzerne als „Heilsbringer“ angepriesene Uran wird noch schneller ausgebeutet sein als Öl und Gas. Nur ein schneller Umstieg auf regenerative Energien kann dieses Problem lösen.
http://vorort.bund.net/suedlicher-oberr ... rraete.htm

Wenn die Umweltbewegung echte Nachhaltigkeit will, dann muss sie sich in Zukunft auch verstärkt der sozialen Frage stellen. Die Güter der Welt könnten bei nachhaltiger Nutzung und gerechterer Verteilung allen Menschen ein gutes Leben ermöglichen.




Ein persönlicher Debattenbeitrag von

Axel Mayer / BUND Regionalgeschäftsführer / Kreisrat / Vizepräsident im Trinationalen Atomschutzverband TRAS

hwest

Unterschichten-Debatte: War da was?

Beitrag von hwest » Donnerstag 2. November 2006, 09:07

Genauso schnell, wie die Unterschichten-Debatte entstand, ist sie auch wieder verschwunden. Man mag es kaum glauben und man fragt sich, woran das liegen kann. Zum einen sicher daran, dass es sich um ein für die Politik sehr unangenehmes Thema handelt, das man nur zu gern schnell wieder unter den Teppich kehrt, zum anderen, weil wir offenbar gar nicht mehr in einer Demokratie leben, sondern in einer Mediokratie. Die Bildzeitung skandalisiert Fotos von einfältigen Soldaten mit einem Totenschädel und alles hechelt hinter dem neuen Thema her. Vergessen ist damit eines der grundlegenden Probleme unseres Landes. Genauso schnell vergessen, wie der am 5. Juni 2005 dem Bundestag vorgelegte Armutsbericht, der im Grunde schon alles enthielt, was SPD-Chef Beck mit seinen Bemerkungen über die „Unterschicht“ hochkochen ließ. Man kann sich wieder dem üblichen Parteiengezänk zuwenden.
Horst

Erna
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Beitrag von Erna » Donnerstag 2. November 2006, 09:58

Die Debatte mit der Unterschicht war meines Erachtens ein Lückenfüller. Es gibt immer eine Unterschicht, wenn es auch andere Schichten gibt. Nur wie hat sich das Profil verändert!
Manchmal habe ich bei den Nachrichten das Gefühl, dass alles getan wird, um das deutsche Ansehen zu beschädigen. In der Türkei hätten die Journalisten ständig einen Prozess wegen Beschädigung des Türkentums am Hals, wenn sie so handelten wie unsere.
Erna

Horst Glameyer
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"Abgehängtes Prekariat"

Beitrag von Horst Glameyer » Donnerstag 2. November 2006, 12:39

Clemens schrieb am 23.10.06 zum Thema „Prekariat“ u.a.:
„Die Flucht in die Partei der Nichtwähler ist zwar eine legale, wenn auch mit die schlechteste Lösung, unser Land weiter nach vorne zu bringen. Es hilft einzig und alleine extremen Rechten wie Linken. Wollen wir das?“

Das wollen wir gewiss nicht; aber Politiker sollten die Folgen bedenken, wenn die Armut im Lande anwächst und dauerhaft anhält. Nicht die Fatah, sondern die weit radikalere Hamas unterstützt die Menschen, nicht zuletzt die Jugendlichen, mit ihren Hilfeleistungen in den palästinensischen Flüchtlingslagern. Mithin wurde sie von ihnen gewählt.
Nicht anders verhält es sich mit der radikalen Hisbollah im Südlibanon. Zwar führte sie die kriegerischen Ereignisse herbei, unter denen die Zivilbevölkerung zu leiden hatte, hilft ihr aber auch durch finanzielle Zuwendungen und weitere Hilfsmaßnahmen, sodass sich der Zorn der Geschädigten nicht gegen die Hisbollah wendet, sondern sie ihr sogar Anerkennung zollen.

Auch die NSDAP verstand es vor und nach 1933 durch breit angelegte Hilfsaktionen für Bedürftige, wie z.B. die Natonalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) und das Winterhilfswerk (WHW-Motto: „Keiner soll hungern und frieren!“) und den „Eintopfsonntag“, Wähler für sich zu gewinnen. Vor allem aber nahm sie sich der Jugend für ihre Zwecke an. Dabei griff sie auf Bewährtes zurück. Jungvolk und Hitler-Jugend übernahmen neben eigenen Liedern das Liedgut aus der bürgerlichen „Wandervogel“-Bewegung und die Uniformierung sowie die oft beliebten Geländespiele von den Pfadfindern. Aus dem „Freiwilligen Arbeitsdienst“ wurde der „Reichsarbeitsdienst“.
Von den „Wirtschaftsführern“, wie man damals die Konzernmanager nannte, war nach einer Geschichtsstudie in den 90er Jahren niemand unter den Widerstandskämpfern. Schindler (s. „Schindlers Liste“) half seinen jüdischen Arbeitern, indem er die verbrecherischen staatlichen Maßnahmen unterlief; aber er kämpfte nicht für deren Beseitigung. Bekanntlich wurden in großen Unternehmen, allerdings auch in der Landwirtschaft, während des Krieges Zwangsarbeiter eingesetzt, für die minimale Löhne zu entrichten waren.

Überlässt man die Bewohner, und darunter vor allem Kinder und Jugendliche, in Regionen und Stadtteilen mit hoher Arbeitslosigkeit weitgehend ihrem Schicksal, bezeichnet man Langzeitarbeitslose als Faulenzer und Schmarotzer, darf man sich nicht wundern, wenn radikale Parteien sich ihrer annehmen und Verständnis zeigen, um für sich Mitglieder und Wähler zu gewinnen. Für Unternehmen spielt es dagegen kaum eine Rolle, unter welcher Regierung (ob demokratisch oder totalitär, ob sie die Menschenrechte einhält oder nicht) sie wirtschaften und unter welchen Bedingungen sie ihre Produkte herstellen lassen, wie z.B. in der VR China, denn sie sind nur dem Geschäft, ihren Aktionären und der Gewinnmaximierung verpflichtet.

Eine psychologische Studie aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts zeigte schon damals, wie rasch eine längere Arbeitslosigkeit und die damit verbundene Hoffnungslosigkeit viele Menschen depressiv werden lassen. Der Alkohol dient häufig nur dazu, der aussichtslosen Wirklichkeit zu entfliehen, wird allmählich zur Droge und lähmt mehr und mehr alle Tatkräfte, weil Arbeitsmöglichkeiten durch die Abwanderung selbst kleiner Betriebe aussichtslos geworden sind.
Horst

Clemens

Beitrag von Clemens » Mittwoch 8. November 2006, 09:42

Die Arbeitslosigkeit geht zurück, die Konjunktur zieht mehr als gedacht an, die Regierungsparteien erhalten die schlechtesten Umfragewerte seit Jahrzehnten, die Kanzlerin ist im Stimmungstief, die Deutschen klagen über Armut.
Irgendetwas kann ja eigentlich nicht stimmen? Oberflächlich?

Jeder, der glaubte, die Große Koalition würde Reichtum versprechen, sieht sich getäuscht. Die Kanzlerin sprach von einer Politik der kleinen Schritte? Warum? Weil große in einer Großen Koalition nicht möglich sind! Dafür sind beide Regierungsparteien ideologisch zu weit auseinander.
Gewußt hat vor der Wahl jeder, dass schon alleine auf Grund der Demographie das Leben in Deutschland nicht billiger werde. Ob für Gesundheit, Soziales oder Kinder jeder wußte und weiß, dass es teurer werden würde. Warum wundern sich die Menschen, dass sie für gleiche Leistung in Zukunft mehr bezahlen müssen?

Auch Münteferings Äußerung, das Ergebnis der Koalition nicht am Perteiprogramm sondern am Koalitionsvertrag zu messen, stimmt für eine parlamentarische Demokratie, kostet aber immer Zustimmung an den entsprechenden Rändern des Klientels (Links für die SPD und Rechts für die Union). Das ist nichts Neues. Anders kann es gar nicht sein.
Wünschenswert wäre aus Parteisicht, mit absoluter Mehrheit sein Wahlprogramm durchzusetzen, aber das sind Wunschvorstellungen.

Rein rechnerisch gibt es eine Mehrheit links der Mitte im Bundestag. Warum nehmen die politischen Verantwortlichen dies nicht wahr, um ihre Ziele in Politik umzusetzen?
Eine Große Koalition ist auf Dauer nicht gut für die Demokratie und damit für unser Land.

Ich kann Horst G. nicht widersprechen in seiner Analyse der Folgen von Armut.
Diskussionen über "abgehängtes Präkariat" und über die Grundwerte sozialer Gerechtigkeit sind richtig im Land und auch in den Parteien. Wenn auch die politischen Folgerungen daraus unterschiedlich ausfallen, besser es gibt welche, als der Zustand verfestigt sich.

Rezepte, die aus den Kirchen oder der Politik angeboten werden, sind nicht neu; sie sind jedoch nicht zielführend. Ob man nun von oben nach unten verteilen will oder an den Arbeitsmarktsymptomen herumkurieren möchte, wichtiger wäre eine Verständigung darauf, dass sich eine freie und gerechte Gesellschaft wachsende Armut nicht leisten kann und will.

Mit angedeuteten Statements von Axel Mayer, den Roland gut kennt, ist es (nur rein formal betrachtet) hier in unserem Forum nicht getan. Besser wäre ein Statement von Roland, welches er angekündigt hat, oder A. Mayer selbst äußert sich hier.

Clemens

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