Nehmen alle alles hin?

Was der älteren Generation das Leben schwer macht - Ein Projekt von ViLE Nord
hwest

Nehmen alle alles hin?

Beitragvon hwest » Mittwoch 10. Februar 2010, 19:51

Bisher kein Echo auf unser Projekt „Die Hindernisse des Alltags – Was der älteren Generation das Leben schwer macht“. Das ist schon verblüffend. Sind unsere Mitglieder, die „älteren Erwachsenen“, alle so zufrieden mit ihren Lebensumständen? Ich kann das gar nicht glauben.
Unser Thema hat am 8. Februar die 3sat-Redaktion mit dem Beitrag „Der Kunde als Knecht – Warum wir alles selber machen“ aufgegriffen. Die Autorin des Fernsehberichts Sigrid Faltin ist bei ihrem dreiwöchigen Selbstversuch über Hindernisse aller Art gestolpert. Für junge Leute sei Service schon ein Fremdwort, stellte sie fest.
Selber tanken, denn den Tankwart gibt es nicht mehr. Im Supermarkt schwere Getränkekisten schleppen, das Obst selbst abwiegen und einpacken, an den in der Einführung begriffenen SB-Kassen sich selbst abkassieren. Die Zähler von Gas, Wasser und Strom selber ablesen. Für Ikea die Endfertigung der Möbel übernehmen. Und sogar die Steuererklärung kann nur noch elektronisch über das System Elstar abgegeben werden.
Hinzufügen kann man diesem Bericht die Entwicklung bei den Banken. Meine neue Filiale hat keinen Kassierer mehr, sondern nur noch Automaten – auch für Einzahlungen. Das Risiko trägt der Kunde. Ich fürchte, das wird sich durchsetzen, denn Kassierer sind teurer als Automaten.
Und wenn man für technische Geräte, wie den neuen Computer, Hilfe braucht, dann ist die sogenannte Service-Hotline schwierig zu erreichen und leistet den Service nur gegen Bezahlung – bei meinem PC kostet das 99 Cent pro Minute.
Deutschland wird zu einer Service-Wüste, denn überall wird der Kundendienst abgebaut. Das ist vor allem für viele Menschen der „älteren Generation“ ein Problem.
Horst

Erna
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Re: Nehmen alle alles hin?

Beitragvon Erna » Donnerstag 11. Februar 2010, 11:27

Sind wir an den von Horst beschriebenen Zuständen nicht auch ein bisschen selbst dran schuld? Wir möchten nach Möglichkeit günstig einkaufen und wundern uns, dass es dann keinen Service gibt. Der ist nun einmal teurer. Auf Inseraten findet man meist einen Preis, ich denke jetzt an Möbelhäuser, der gültig ist, wenn man alles selbst macht, vom Abholen bis zum Austellen. Natürlich bekommen wir auch alles gemacht, also gebracht und aufgestellt, nur eben gegen ein Entgelt. Wahrscheinlich ist es selbst bei Ikea so.
Dies führte letztlich auch zm Teil zum Verschwinden der Tante Emma - Läden, denn auch Kommunikation ist eine Dienstleistung, die bezahlt werden muss. (Neben dem preislichen Unterschied beim Einkauf von großen und kleinen Mengen.)
Erna

hwest

Re: Nehmen alle alles hin?

Beitragvon hwest » Samstag 13. Februar 2010, 09:39

Liebe Erna,
wenn Kundendienst bezahlt werden muss, dann ist es kein Kundendienst mehr, sondern ein normales Leistungsangebot, wie die Reparatur eines Rohrbruchs durch den Klempner. Dann muss man das aber auch so nennen. Geworben wird jedoch mit Service und das täuscht den Käufer.
Die Meinung, wir seien selbst schuld am Verschwinden der Tante-Emma-Läden, wird zwar immer wieder behauptet, ist aber ein Irrtum. Nicht die Verbraucher haben die Supermärkte erfunden. Es war das Kapital. Und wenn es mit Macht in den Markt drängt, dann sind wir Verbraucher hilflos.
Es ist nicht so, dass der freie Markt alles regelt, wie eine jetzt sogar mitregierende Partei immer wieder behauptet. Vielmehr ist der Markt meist sehr unvernünftig.
Ein Beispiel aus meiner Wohngegend. Hier gab es einen Plaza-Großmarkt, Wand an Wand dazu noch einen Penny-Supermarkt und unweit eine ALDI-Filiale. Das dürfte eigentlich reichen. Doch vor einiger Zeit wurde noch ein Lidl-Supermarkt gebaut. Vor kurzem kam ein Netto-Supermarkt hinzu, und wenn der Winter vorbei ist, beginnt der Bau eines weiteren Supermarktes. Alles im Umkreis von etwa 250 Metern. In allen diesen Einkaufsparadiesen sind die meisten Preise gleich. Haben wir Käufer das angerichtet? Wohl kaum.
Horst

Erna
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Re: Nehmen alle alles hin?

Beitragvon Erna » Samstag 13. Februar 2010, 12:32

Lieber Horst,
das Thema ist ja wohl "nehmen Ältere alles hin" und dabei sind wir bei der Leistung gleich Service gelandet. Ich wollte das eigentlich nicht, aber tatsächlich haben die Großmärkte, bei deren Werbung ich nochmals nachschaute, keinen Service außer Beratung angeboten.
Allerdings erstaunt es mich, dass Du gegen eine Ansammlung von gleichen Geschäften bist, es sei denn, es stört Dich, dass das Wohngebiet nicht mehr so attraktiv ist. Wir haben in unserem Wohngebiet und der näheren Umgebung (bis 2-3 km Entfernung) kein weiteres Geschäft außer REWE und ich glaube, dass viele Ältere sich freuen würden, wenn es etwas Konkurrenz geben würde.
Was mich bei den Einkäufen viel mehr stört, ist, dass immer mehr auf den einzelnen Packungen steht und die Schrift immer kleiner wird. Vielleicht sollten wir einmal überlegen, welche Informationen wir bei den Lebensmitteln wünschen und welche man ruhig weglassen kann. Wichtig für mich wäre z.B. eine gut lesbare Gewichtsangabe. Daneben halte ich eine Inhaltsangabe für ebenso wichtig. Nicht nötig dagegen finde ich die seit kurzem vorhandene Angabe, wieviel des täglichen Bedarfes das Produkt enthält.

HildegardN
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Re: Nehmen alle alles hin?

Beitragvon HildegardN » Samstag 13. Februar 2010, 16:19

Die Hindernisse des Alltags im Leben älterer Menschen – und „nehmen wir alles hin?“ Dieses Thema geht uns alle an – und nicht nur die Älteren und Alten unter uns.
Die technische Entwicklung hat uns bereits einiges abverlangt, vor allem Umstellungen, Anpassungen und Neuorientierung, aber auch Verzicht auf manch Altgewohntes, wie beispielsweise die bereits angesprochenen Dienstleistungen. Und es ist nicht die neue Technik allein, die uns fordert (aber nicht selten auch fördert). Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte hat viele Bereiche unseres Lebens betroffen, wie Wirtschaft, Gesellschaft und Gesundheit. Die damit verbundenen Veränderungen und Neuerungen kommen uns auch zugute, sind teils ein Gewinn, wie beispielsweise die neuen Möglichkeiten der Kommunikation und die medizinischen Fortschritte, aber es sind nicht wenige, die als belastend empfunden werden oder auch Erschwernisse, Verluste verursachen. Hier sind wir gefordert, Kritik zu üben, aufzuklären, an notwendigen Veränderungen mitzuwirken.

Im Einführungstext zu diesem Forum wurden wir über eine Anfrage an Peek & Cloppenburg in Lübeck informiert, die sich u.a. auf die Frage „Warum wirbt Ihr Unternehmen immer nur für junge Mode?“ bezog. Die Antwort enthielt die Aussage, dass Senioren für die Darstellung der Bekleidung jüngere Models bevorzugen.
„Wünschen sich die Senioren wirklich jüngere Models?“, fragt Horst W.
Allzu jung dürfen sie m.E. nicht sein, sondern eher ihrem eigenen subjektiven Alter entsprechen. Erfahrungsgemäss weicht in der Alterseinschätzung der älteren Generation das subjektive Alter von dem kalendarischen Alter ab. Wir, d.h. auch ich als Ältere oder Alte, schätzen Gleichaltrige zumeist als um mehrere Jahre älter ein.
Schon in der Berliner Altersstudie (1990) wurde im Rahmen einer umfassenden Untersuchung festgestellt, dass die Teilnehmer sich im allgemeinen um 12 Jahre jünger fühlten als es ihrem chronologischen Alter entsprach und sich als 9,5 Jahre jünger aussehend einschätzten. Im Mittel nehmen die Altersunterschätzungen der eigenen Person mit dem Alter etwas zu. 90jährige und Ältere fühlten sich z.B.16 Jahre jünger und schätzten ihr Aussehen als um 14 Jahre jünger ein.
Dies ist jedoch nur ein Teilaspekt der Bekleidungsprobleme der Älteren, die von der Bekleidungsbranche nur unzureichend zur Kenntnis genommen und wenig berücksichtigt werden. Wo finde ich beispielsweise in den großen Schaufenstern unserer Städte ein passendes und mich motivierendes Angebot für ältere Menschen? Da gehe ich i.d.Regel ohne nachzufragen, einfach vorbei, und viele etwa Gleichaltrige argumentieren: „An älteren Kunden ist man hier nicht interessiert“. Einige spezielle und fortschrittliche, zumeist kleinere Modegeschäfte, haben sich inzwischen auf die Nachfrage der älteren Verbraucher eingestellt, aber nicht jeder kann sie aufsuchen, zumal auch die Preise in kleineren Geschäften anders kalkuliert werden müsssen.
Meine Frage bleibt noch offen, ob die Bekleidungsbranche den Generationenwandel – vor allem das Anwachsen der älteren Bevölkerung – noch nicht zur Kenntnis genommen hat oder einfach zu berücksichtigen vergisst.
Hildegard

hwest

Re: Nehmen alle alles hin?

Beitragvon hwest » Montag 15. Februar 2010, 11:25

Mitglied Ingrid besitzt noch kein Passwort. Daher leite ich ihren Text weiter ins Forum, Horst.
Sie schreibt:

"Seit 10 Jahren arbeite ich ehrenamtlich in verschiedenen Organisationen für die Rechte älterer Menschen, hauptsächlich für deren Recht auf Zugang und Bildung und Teilhabe an der Gesellschaft. Motiviert werde ich durch viele Menschen europaweit, die die gleichen Ziele verfolgen. Durch Mitarbeit im Committee On Ageing, dem viele NGOs angehören, setze ich mich natürlich auch für die Implementierung der Verpflichtungen, die die Staaten im Weltaltenplanes eingegangen sind, ein, und dadurch kämpfe ich auch gegen die Diskriminierung und Handycaps der Ältere.
Es gibt viele Möglichkeiten, die Gesellschaft darauf aufmerksam zu machen und mit plausiblen Gründen Verständnis dafür zu erwirken.
Folgende Dinge müssen verbessert werden:
Hindernisse, mit denen ältere Menschen heutzutage im Alltag kämpfen müssen In Haus und Wohnungen, Türschwellen, zu hohe Schränke, Haushaltsgeräte, für deren Bedienung Kraft nötig ist, zu hohe Badewannen, zu wenig Handgriffe in Bädern/Räumen, zu kleine Telefontastaturen, teilweise zu schmale Türen (Rollstuhl, Gehwagen),
zu wenig Literatur in Großbuchstaben, zu wenig finanziell erschwingliche Dienstleistungsangebote, die Treppenlifte sind noch zu teuer, bzw. es gibt wenig Hilfsmöglichkeiten,

In den Kommunen:
Die Bürgersteige sind an Übergängen nicht abgesenkt für Gehwagen, Rollstühle (übrigens auch Kinderwagen) , es gibt viel zu wenig Geländer an Geschäften und Behörden, die nur mit Außentreppen zu erreichen sind, Busse und Bahnen, (besonders (DB) haben zu hohe Einstiege, Kommunen denken höchst selten bei der Sanierung von Wegen und Plätzen daran, dass Fahrspuren mit geraden Gehwegplatten zwischen Wegen und Plätzen nötig sind. Ältere haben Schwierigkeiten, gr. und kl. Kopfsteinpflaster zu begehen, in Geschäften sind viel zu wenig oder meist gar keine Sitzmöglichkeiten für Älter, Müde, z.B. auch in Apotheken Wenn, dann meist ohne Rückenlehne (Karstadt) hier wird nur auf Design geachtet. Bei Nachfrage bekommt man seltsame Gründe genannt, z.B. dass Kinder darauf rumturnen würden. Es gibt einzelne Ausnahmen, wenn man um einen Stuhl bittet. Aus den Büros wird dann für kurze Zeit ein rollender (!) Stuhl bereitgestellt.
In etlichen öffentlichen Einrichtungen gibt es noch keine Fahrstühle,
In öffentlichen Verkehrsmitteln wird vom Betreiber zu wenig darauf geachtet / hingewiesen, dass für Ältere Platz gemacht werden möchte,
Durchsagen an ZOBs und Bahnhöfen, in Zügen und anderen Verkehrsmitteln, sind kaum verständlich
Es gibt keine günstigen Senioren- Taxis, nur Teenager- Taxis (Frauen-Taxis), die haben meist mehr Geld als manche Ältere,
Es gibt zu wenig oder wenn zu teure Bringdienste der Kaufhäuser und Supermärkte,.

Erna
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Re: Nehmen alle alles hin?

Beitragvon Erna » Montag 15. Februar 2010, 13:14

Vor einiger Zeit habe ich in einer T-Com-Filiale darauf hingewiesen, dass es dort Sitzgelegenheiten geben müsste, da durch die Beratungen lange Wartezeiten nötig seien. Mir wurde geantwortet, sie könnten keine anbieten, da sie sonst auch Toiletten einrichten müssten. Stimmt das?
Erna

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Re: Nehmen alle alles hin?

Beitragvon Marlis Beutel » Freitag 19. Februar 2010, 09:50

wenn er am Fahrkartenautomat der Bahn steht und der partout keine Rückfahrkarte nach Karlsruhe ausdrucken will oder ganz einfach kaputt ist, so dass der Fahrgast im Zug dem Schaffner beweisen muss, dass er die Fahrkarte nicht lösen konnte, dann packt den hilflosen Kunden die Wut, ob er nun alt ist oder jung. Automaten sind billiger als Arbeitskräfte. Aber stimmt das? Die Arbeitslosen müssen unterhalten werden, allerdings nicht von der Bahn.
Das ganze System ist fragwürdig. Nicht nur in den Augen älterer Menschen. Wie war uns die Warteschlange vor dem Fahrkartenschalter vertraut, bei der man auf die Uhr sah. Wahrscheinlich
werden wir in Zukunft sogar die Automaten vermissen, wenn die Bahn einfach nur noch abbucht und wir erst hinterher feststellen, wie teuer die ganze Reise war. Aber wir fühlen uns ohnmächtig angesichts der Regeln, die der Markt festlegt.
Ich vermute auch, dass diese Ohnmacht uns daran hindert, hier mitzudiskutieren.

Marlis Beutel
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HildegardN
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Re: Nehmen alle alles hin?

Beitragvon HildegardN » Freitag 19. Februar 2010, 14:21

Es ist nicht die Ohnmacht allein, die uns zwingt, manches hinzunehmen. Die Automatenprobleme haben bestimmt schon viele Bahnfahrer genervt, oder gar motiviert, eine Alternative zu wählen. Doch nicht immer bietet sich solches an.

Allwöchentlich fahre ich z.B. nach Neuwied, einer Stadt mit ca. 50.000 Einwohnern. Vor etwa zwei Jahren führte ich einen Koffer mit mir, weil ich im Anschluss an meinen Besuch im Pflegeheim weiter fahren wollte. Leider waren die Gepäckfächer inzwischen abgebaut, und es stand ab sofort keine Gepäckaufbewahrung zur Verfügung. -Nachfragen und Beschwerden waren erfolglos, und den ankommenden Reisenden bleibt seitdem nur die Gepäckbeförderung per Taxi. -
Seit etwa einem Jahr wird die Bahnhofshalle in Neuwied Sonn- und Feiertags geschlossen. Fahrkarten gibt es dann nur noch an einem Automaten am Bahnsteig. Wer diesen nicht zu bedienen vermag oder nicht so lange warten kann bis er an der Reihe ist, der darf wohl erst am nächsten Werktag auf die Reise gehen, denn ein Reisebüro gibt es in der Nähe nicht.
Ich vermute, dass sich viele von uns - trotz Frust und Beschwernissen - an das "Hinnehmen" gewöhnt haben bzw. keine Alternative für sich sehen, etwas zu ändern.
Grüße aus Bad Homburg, Hildegard

Margret Budde

Re: Nehmen alle alles hin?

Beitragvon Margret Budde » Sonntag 4. April 2010, 18:28

Liebe Nordlichter,
ja, ich muss zugeben, es gibt viele Hindernisse in allen Lebenssituationen. Und alles ist nicht hinzunehmen. Dagegen wollen wir etwas unternehmen und da seid Ihr in Lübeck inzwischen Vorbild in Eifer und auch in den Erfolgen. Diese Fülle an Themen und Beiträgen ist schon großartig.
Aber an eines sollen wir uns in der neuen automatisierten Welt wohl gewöhnen müssen: an das zunehmende Bedienenmüssen von Automaten.

Den Umgang mit neuen Medien haben wir uns auf die Fahnen geschrieben. Gehört nicht auch das Lernen mit neuen Techniken aller anderen Bereiche dazu? Ich empfinde es immer wieder als neue Herausforderung, auch im Alter noch dazulernen zu können.


Nun habe ich Schwierigkeiten, ein Bild in diese Seite zu kopieren. Geht bitte auf folgenden Link.
http://www.managementforum.com/Veranstaltungen/70plus/index.php

Profitieren Sie vom demographischen Wandel – aus 50plus wird 70plus
- Die Kaufkraft der Senioren über 65 Jahre liegt bei 339 Milliarden Euro – Tendenz steigend
- In naher Zukunft sind knapp 40% der Bürger über 60
- Ab dem Jahr 2040 gibt es mehr 75-Jährige als unter 20-Jährige – Geburtenrückgang trifft alternde
Gesellschaft
- Keine Zielgruppe wächst in vergleichbarer Geschwindigkeit


Man hat uns entdeckt, das wissen wir. Aber was tut man für diese begehrte Gruppe?
Diesem Management Forum geht es ums Verkaufen, aber sie machen sich wenigstens schon Gedanken auf höchster Ebene darüber.

Qualitätszeichen "Generationenfreundliches Einkaufen"

Der Handelsverband Deutschland - HDE e.V. berichtet in einer
“Pressemeldung vom
25. März 2010
Bundesfamilienministerin Kristina Schröder und Handelspräsident Josef Sanktjohanser gaben heute in Berlin den Startschuss für das neue Qualitätszeichen "Generationenfreundliches Einkaufen". Es zeichnet Geschäfte aus, bei denen der Einkauf für Menschen aller Altersgruppen, Familien und Singles, für Menschen mit Handicap komfortabel, angenehm und barrierearm ist. „Wir müssen uns klar machen, dass die Deutschen immer älter und wir mehr und mehr zu einer Gesellschaft des langen Lebens werden. Dieser Herausforderung müssen wir uns stellen.”
http://www.generationenfreundliches-einkaufen.de/pb/site/gen/node/653958/Lde/index.html
Einige Geschäfte haben schon das Qualitätszeichen erhalten. Vielleicht wird es auch auf andere Bereiche noch ausgeweitet.
Wir haben ab sofort die Möglichkeit, die Geschäfte und Kaufhäuser nach diesen Kriterien zu bewerten. Ich denke, das ist eine gute Kampagne und ich werde ab sofort auch in hier in Münster nach diesen neuen Kriterien die einzelnen Geschäfte unter die Lupe nehmen.

Viele Grüße

Margret

hwest

Re: Nehmen alle alles hin?

Beitragvon hwest » Montag 5. April 2010, 12:37

Liebe Margret,
sicher müssen wir uns an das Bedienen von Automaten gewöhnen. Wir werden dazu gezwungen. Das Problem ist nur, dass nicht alle älteren Menschen so fit sind, wie Du. Wenn Du an die Millionen der älteren Generation denkst, dann sind wir doch schon ein recht elitärer Kreis. Du weißt, wie schwer es ist, für unseren Verein neue Mitglieder zu gewinnen. Das zeigt, dass vielen Älteren der Antrieb oder die Möglichkeit fehlt, sich mit den neuen Techniken zu befassen. Daher ist es wichtig, dass die Automaten bedienungsfreundlicher gestaltet werden, als es bisher der Fall ist.
Horst

Margret Budde

Re: Nehmen alle alles hin?

Beitragvon Margret Budde » Montag 5. April 2010, 15:15

Lieber Horst,

ja ich stimme mit Dir überein, ob wir wollen oder nicht. Aber das ist auch der Preis für den Fortschritt der Technik.

Ich glaube, es liegt nicht allein an den Möglichkeiten oder Fähigkeiten. Meines Erachtens ist ein Großteil abhängig vom "Wollen". Vor mehr als 8 Jahren, als ich den PC nur vom Namen her kannte, machten mich meine Kinder schon darauf aufmerksam, dass es für einen älteren Menschen auf Dauer notwendig ist, sich mit den neuen Techniken vertraut zu machen. Und dann erst recht, wenn er mal in seiner Mobilität eingeschränkt sein wird, so wie es bei mir fortschreitend der Fall ist. Will ich mich nicht allzufrüh abhängig machen, muss ich mich halt anstrengen. Das ist in der Jugend so und im Alter.
Ich habe viel Kraft und Zeit investieren müssen. Ohnedem geht es nicht.

Leider bleiben immer wieder die Schwächsten auf der Strecke. Mir bleibt immer wieder nur der Weg über die Motivation. Dass ich mich jetzt auf so vielen Gebieten tummeln kann, liegt nur an meiner Überzeugung und Bereitschaft, ständig zu lernen, dabei aber nicht zu vergessen, andere anzuspornen, das gleiche zu tun. Der beste Zeitpunkt ist für mich immer, wenn mein Wissen und Können deutlich wird.

Für viele ältere Menschen steht nach den langen Jahren des Berufslebens nun im Vordergrund, sich nicht mehr anzustrengen. Das darf es bis zu einem gewissen Maß auch sein. Aber es gilt immer noch das alte Wort: wer rastet der rostet.
Ich gehöre jedenfalls nicht zur sog. "Sofageneration". Das hat mir in meinem vergangenen Leben gut getan.

Ich will in keiner Weise euer Anliegen ablehnen, die Hindernisse anzuprangern. Es ist wichtig für die große Masse der Bevölkerung, das ist korrekt. Aber wenn ich das Jammern vieler Menschen über Schwierigkeiten höre und dabei deren eigene fehlende Bereitschaft zur Abschaffung derselben feststelle, kann ich mit meinem Hinweis nicht zurückhalten.

Ich kann mir auch die Bemerkung nicht verkneifen, dass es schade ist bei dem großen geistigen Potential, was wir in unseren eigenen Reihen haben, nicht mehr aus unserem Verein machen können. Es sind nur immer dieselben, die Beiträge liefern.

Jedoch dieses Thema wäre besser in einer anderen Rubrik abgelegt. Man könnte noch lange darüber diskutieren.

Schöne Grüße

Margret

Horst Glameyer
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Re: Nehmen alle alles hin?

Beitragvon Horst Glameyer » Montag 5. April 2010, 20:31

Vielleicht ist der technische Wandel nicht so sehr das Problem, sondern die Beschleunigung, mit dem er vonstatten geht. Erfahrungsgemäß wird der Mensch mit zunehmendem Alter bei vielen Tätigkeiten ein wenig langsamer, aber deswegen keineswegs dümmer. Er möchte sich etwas mehr Zeit lassen; doch die Umwelt samt ihren technischen Neuerungen hat dafür kaum Verständnis.
Wer in Cuxhaven am Automaten („dem sich selbst bewegenden“) eine Fahrkarte für den Zug nach Hamburg lösen will, muss sich erst einmal selbst bewegen, bevor der Automat sich bewegt. Aus einer langen alphabetischen Liste soll der Fahrgast den Zielbahnhof und die zugehörige dreistellige Schlüsselzahl heraussuchen. Nachdem er sie hoffentlich richtig eingetippt hat, wählt er aus einer Reihe von Tasten (zu den untersten, kaum lesbaren, muss er sich etwas hinunter beugen) das für ihn passende Angebot aus (Einfache Fahrt, Hin- und Rückfahrt, Niedersachsen-Ticket oder andere Tickets, Bahncard 25 oder 50 u.a.) und klickt es an. Es folgen noch weitere Fragen, die er mit einem Druck auf die entsprechende Zifferntaste beantworten darf. Schließlich erscheint auf dem Display der Fahrpreis und die Zahlungsaufforderung.
Wenn der „Reisende in Vorbereitung“ Glück hat, behält der Automat den in einen Schlitz eingefädelten Geldschein bei sich, druckt die Fahrkarte aus und gibt das Wechselgeld wieder heraus, andernfalls schiebt der Automat den Schein kommentarlos durch den Schlitz zurück. Nun gibt es mehrere Möglichkeiten: Schein umdrehen, neuen Schein, sofern vorhanden, anbieten oder es mit einer Handvoll Münzen versuchen. Wer zu spät kommt, dem fährt der Zug davon. In Cuxhaven kann man sich im Notfall auch in die Warteschlange vor dem Fahrkartenschalter einreihen (auf kleineren Unterwegsbahnhöfen gibt es nur noch einen Automaten). Den Zug erreicht man deshalb noch lange nicht; denn das Verkehrsmittel und die Fahrkarte zu seiner Benutzung gehören zwar zusammen, sind aber dennoch völlig unabhängig voneinander.
Falls der Reisende keine Rückfahrkarte gelöst hat, steht er in Hamburg vor einem Automaten mit Screen-Touch und erlebt ein ganz neues Automatengefühl. Hoffentlich hat er genug Zeit zum Erlernen und Ausprobieren dieses technisch in jeder Hinsicht verbesserten Systems mitgebracht! Schwarzfahren oder Hotelübernachtung? Der Preisunterschied ist vielleicht gar nicht so groß.

Um am ViLE-Lerncafe und an den ViLE-Fotokursen mitarbeiten zu können, musste ich im Laufe von wenigen Jahren meinen PC dreimal mit einem neuen Betriebssystem ausrüsten. Meine Waschmaschine läuft dagegen seit derselben Zeit noch immer mit dem ersten Programm.
Es geht nicht nur um das Erlernen neuer Techniken, sondern auch die Kostenfrage kann ein nicht gering zu schätzendes Alltagshindernis sein. Mit Blick auf die sich abzeichnende Altersarmut werden in Zukunft viele ältere Menschen sich manche technischen Geräte vielleicht gar nicht leisten können, obwohl sie deren Gebrauch gern erlernen würden.
Tonkassetten, VHS-Videokassetten und Disketten sind schon seit längerem kaum noch irgendwo zu haben, weil die Abspielgeräte außer Mode geraten sind. Der technische Fortschritt hat sie aus den Verkaufsregalen gefegt.
Heute gibt es CDs und DVDs. Allerdings gibt es hier und dort schon wieder teure Plattenspieler zu kaufen! :D
HorstG

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Re: Nehmen alle alles hin?

Beitragvon Erna » Samstag 1. Mai 2010, 17:24

Was mich so stört, ist,dass man als älterer Mensch langsamer wird. Mein Arzt hat mir zwar bescheinigt, dass ich gut höre, aber ich habe das Empfinden, dass ich nicht schnell genug höre. Bei einem Telefonat mit meiner Bank, musste ich doch dem Angestellten sagen, sprechen Sie bitte langsamer. Er hat hinterher so geklungen, als ob er mich nicht mehr für zurechnungsfähig hielte.
Erna

oelgaard
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Re: Nehmen alle alles hin?

Beitragvon oelgaard » Donnerstag 16. September 2010, 21:38

Einige Beiträge beschäftigen sich mit dem Problem der Bedienung der Fahrkartenautomaten der DB.
Dieses scheint nicht nur ein Problem der Senioren und Seniorinnen zu sein.
In dem Programm der Volkshochschule Lübeck, Herbst 2010, fand ich folgendes Angebot:

Kursbeschreibung:
Ein Mitarbeiter des Bahnhofsmangements wird die Gruppe zum Ansage- und Sicherheitszentrum führen. Anschließend gibt es Hinweise zur Orientierung im Bahnhof (Ankunfts- und Abfahrts-anzeigen).
…….Weil sich die Bedienmasken der Fahrkartenautomaten im Herbst grundlegend ändern, werden Sie praktische Erfahrungen am Automaten sammeln………
Wie bekomme ich eine BahnCard-Ermäßigung auch im Verbund? U. a
In Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn AG.

Anzumerken ist, dass dieser Kursus nicht unter der Rubrik „FÜR ÄLTERE“ ausgeschrieben wurde. Es scheint also auch bei den „JÜNGEREN“ ein Bedarf für eine „Bedienungsanleitung“ zu geben!